EU AI Act für Unternehmen: Welche Risikoklasse gilt für Ihr System — und was ist bis wann zu tun?
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Der AI Act sortiert KI-Systeme nicht nach Modell, sondern nach Einsatzzweck: Dasselbe Basismodell kann in einem Anwendungsfall minimal riskant sein und im nächsten hochriskant. Vier Klassen entscheiden über die Pflichten: verboten, hochrisiko, begrenzt riskant, minimal riskant. Der Irrtum, der Unternehmen am häufigsten teuer wird: KI-gestütztes Recruiting gilt fast immer als Hochrisiko — auch wenn es sich nur wie eine Zusatzfunktion in der Bewerber-Software anfühlt.
Dieser Leitfaden wurde am 23. Juli 2026 fachlich geprüft und am 31. Oktober 2026 inhaltlich aktualisiert.
Welche vier Risikoklassen unterscheidet der AI Act?
Die Einstufung hängt am Einsatzzweck, nicht am Modell: Dasselbe Foundation Model kann in einem Use Case minimal riskant sein und im nächsten hochriskant. Die Klasse ist damit eine Eigenschaft des konkreten Anwendungsfalls — nicht der Technologie dahinter. Die meisten Unternehmens-Use-Cases landen in den beiden mittleren Klassen.
Art. 5 — seit Februar 2025
Social Scoring, manipulative Systeme, Emotionserkennung am Arbeitsplatz und in Bildungseinrichtungen (Art. 5 Abs. 1 lit. f, außer aus medizinischen oder Sicherheitsgründen), biometrische Echtzeit-Fernidentifizierung in öffentlich zugänglichen Räumen zu Strafverfolgungszwecken. Eng begrenzte Ausnahmen gibt es nur für diese Echtzeit-Fernidentifizierung durch Strafverfolgungsbehörden (Art. 5 Abs. 1 lit. h, Abs. 2–7).
Anhang III
Bewerbungsprüfung, Leistungsbeurteilung, Bonitätsbewertung, Risikobewertungen durch Strafverfolgungsbehörden (Anhang III Nr. 6). Verboten bleibt dagegen, das Risiko einer Straftat allein auf Grundlage von Profiling oder Persönlichkeitsmerkmalen einer Person vorherzusagen (Art. 5 Abs. 1 lit. d). Konformitätsbewertung, Dokumentation, menschliche Aufsicht, Registrierung.
Art. 50 — Kennzeichnungspflicht
Chatbots, KI-generierte Inhalte, Emotionserkennung außerhalb von Arbeitsplatz und Bildung (dort nach Art. 5 Abs. 1 lit. f verboten). Nutzer müssen wissen, dass sie mit einer KI interagieren.
Der Großteil aller Systeme
KI-gestützte Suchfunktionen, Spam-Filter, Empfehlungssysteme, einfache Automatisierung. Keine besonderen Pflichten aus der Risikoklasse — die KI-Kompetenzpflicht nach Art. 4 gilt aber für alle Anbieter und Betreiber unabhängig von der Risikoklasse, und die DSGVO bleibt anwendbar.
Pyramide mit vier Stufen, von der Spitze zur Basis: verboten (Art. 5), hochrisiko (Art. 6 und Anhang III), begrenzt riskant mit Transparenzpflichten (Art. 50) und minimal riskant ohne klassenspezifische Pflichten. Die Pflichten wachsen mit dem Risiko; die breite Basis steht für den Großteil aller Systeme. Die Einstufung hängt am Einsatzzweck, nicht am Modell.
Welche Pflichten gelten je Risikoklasse?
Die Pflichten wachsen mit dem Risiko, und sie treffen nicht alle Beteiligten gleich. Der AI Act unterscheidet vor allem zwischen Anbietern, die ein KI-System entwickeln oder unter eigenem Namen in Verkehr bringen, und Betreibern, die es in eigener Verantwortung einsetzen (Art. 3 Nr. 3 und 4). Die Tabelle fasst Anwendungsbereich und Kernpflichten je Klasse zusammen; maßgeblich bleibt der Wortlaut der Verordnung.
| Risikoklasse | Was darunter fällt | Kernpflichten | Beispiel |
|---|---|---|---|
| Verboten (Art. 5) | Die acht Praktiken aus Art. 5 Abs. 1, u. a. manipulative Techniken, Social Scoring, das ungezielte Auslesen von Gesichtsbildern aus dem Internet oder aus Überwachungsaufnahmen und Emotionserkennung am Arbeitsplatz und in Bildungseinrichtungen. | Inverkehrbringen, Inbetriebnahme und Verwendung sind untersagt. Verstöße können mit Geldbußen von bis zu 35 Mio. EUR oder bis zu 7 % des weltweiten Jahresumsatzes geahndet werden, je nachdem, welcher Betrag höher ist (Art. 99 Abs. 3); für KMU einschließlich Start-ups gilt der jeweils niedrigere Betrag (Art. 99 Abs. 6). | Software, die aus Videoaufnahmen die Emotionen von Beschäftigten ableitet (Art. 5 Abs. 1 lit. f). |
| Hochrisiko (Art. 6) | KI als Sicherheitsbauteil oder Produkt nach Anhang I, das einer Konformitätsbewertung durch Dritte unterliegt (Art. 6 Abs. 1), sowie Systeme in den acht Bereichen von Anhang III (Art. 6 Abs. 2). | Anbieter: Risikomanagement (Art. 9), Daten-Governance (Art. 10), technische Dokumentation (Art. 11), Protokollierung (Art. 12), Transparenz und Betriebsanleitung (Art. 13), menschliche Aufsicht (Art. 14), Genauigkeit, Robustheit und Cybersicherheit (Art. 15), Qualitätsmanagement (Art. 17), Konformitätsbewertung (Art. 43), Registrierung bei Anhang-III-Systemen (Art. 49). Betreiber: Pflichten nach Art. 26, teils Grundrechte-Folgenabschätzung (Art. 27). | KI-System, das Bewerbungen analysiert und filtert (Anhang III Nr. 4 lit. a). |
| Begrenztes Risiko: Transparenzpflichten (Art. 50) | Systeme, die direkt mit Menschen interagieren, Systeme, die synthetische Audio-, Bild-, Video- oder Textinhalte erzeugen, Emotionserkennung und biometrische Kategorisierung, soweit nicht verboten, sowie Deepfakes. | Hinweis, dass eine KI im Spiel ist (Abs. 1), maschinenlesbare Kennzeichnung erzeugter Inhalte (Abs. 2), Information der Betroffenen über Emotionserkennung oder biometrische Kategorisierung (Abs. 3), Offenlegung von Deepfakes (Abs. 4). Die Pflichten gelten zusätzlich zu etwaigen Hochrisiko-Pflichten (Art. 50 Abs. 6). | Chatbot im Kundenservice. |
| Minimales Risiko | Alle KI-Systeme, die keiner der drei anderen Klassen zuzuordnen sind. | Keine klassenspezifischen Pflichten. Anbieter und Betreiber sorgen dennoch für ausreichende KI-Kompetenz ihres Personals (Art. 4); freiwillige Verhaltenskodizes sind möglich (Art. 95). | Spam-Filter oder KI-gestützte Suchfunktion. |
Quer zu den vier Klassen stehen die Pflichten für Anbieter von KI-Modellen mit allgemeinem Verwendungszweck (Art. 53 bis 55). Sie knüpfen am Modell an, nicht am Einsatzzweck. Wer ein solches Modell unverändert in eine eigene Anwendung einbindet, wird dadurch in der Regel nicht zum Modellanbieter, sondern ist nachgelagerter Anbieter des darauf aufbauenden KI-Systems (Art. 3 Nr. 68) und muss dieses System selbst einer Risikoklasse zuordnen.
Welche acht Bereiche nennt Anhang III?
An Anhang III müssen sich die meisten Unternehmen messen: Fällt ein System unter einen der acht Bereiche, gilt es nach Art. 6 Abs. 2 grundsätzlich als hochriskant. Entscheidend ist nicht der Bereich allein, sondern der konkrete Verwendungszweck, den Anhang III je Bereich beschreibt. Die Kommission kann die Anwendungsfälle per delegiertem Rechtsakt ändern oder ergänzen (Art. 7). Je Bereich steht hier ein Beispiel aus dem Anhang:
- Biometrie: Biometrische Fernidentifizierung, soweit nach Unions- oder nationalem Recht zulässig. Ausgenommen ist die reine Verifizierung, ob eine Person die ist, für die sie sich ausgibt (Nr. 1 lit. a).
- Kritische Infrastruktur: KI als Sicherheitsbauteil im Management und Betrieb kritischer digitaler Infrastruktur, des Straßenverkehrs oder der Wasser-, Gas-, Wärme- und Stromversorgung (Nr. 2).
- Allgemeine und berufliche Bildung: Systeme zur Bewertung von Lernergebnissen, auch wenn diese Ergebnisse den Lernprozess steuern (Nr. 3 lit. b).
- Beschäftigung, Personalmanagement und Zugang zur Selbstständigkeit: Analyse und Filterung von Bewerbungen sowie Bewertung von Bewerberinnen und Bewerbern (Nr. 4 lit. a).
- Zugang zu grundlegenden privaten und öffentlichen Diensten und Leistungen: Prüfung der Kreditwürdigkeit natürlicher Personen oder Ermittlung ihrer Kreditpunktzahl. Systeme zur Aufdeckung von Finanzbetrug sind ausgenommen (Nr. 5 lit. b).
- Strafverfolgung: Bewertung der Verlässlichkeit von Beweismitteln im Zuge von Ermittlungen oder der Verfolgung von Straftaten, soweit zulässig (Nr. 6 lit. c).
- Migration, Asyl und Grenzkontrolle: Unterstützung bei der Prüfung von Asyl-, Visums- und Aufenthaltsanträgen und damit verbundenen Beschwerden, soweit zulässig (Nr. 7 lit. c).
- Rechtspflege und demokratische Prozesse: Unterstützung von Justizbehörden bei der Ermittlung und Auslegung von Sachverhalten und Rechtsvorschriften und bei deren Anwendung auf konkrete Sachverhalte (Nr. 8 lit. a).
Nicht jedes System in einem dieser Bereiche ist automatisch hochriskant. Nach Art. 6 Abs. 3 entfällt die Einstufung, wenn das System kein erhebliches Risiko für Gesundheit, Sicherheit oder Grundrechte birgt, insbesondere weil es nur eine eng gefasste Verfahrensaufgabe erfüllt, das Ergebnis einer bereits abgeschlossenen menschlichen Tätigkeit verbessert, Entscheidungsmuster erkennt, ohne die menschliche Bewertung ohne angemessene Überprüfung zu ersetzen, oder nur eine vorbereitende Aufgabe übernimmt. Zwei Grenzen gelten: Ein System, das Profiling natürlicher Personen vornimmt, ist immer hochriskant. Und wer sich auf die Ausnahme beruft, muss seine Bewertung vor dem Inverkehrbringen dokumentieren und das System trotzdem registrieren (Art. 6 Abs. 4, Art. 49 Abs. 2).
Anbieter oder Betreiber: Wer trägt welche Pflichten?
Die meisten Unternehmen kaufen Hochrisiko-KI ein, statt sie selbst zu entwickeln. Dann sind sie Betreiber, und ihr Pflichtenkatalog ist kürzer als der des Anbieters, aber nicht leer. Kritisch wird es, wenn eigene Anpassungen die Rolle verschieben.
Art. 16: Anforderungen erfüllen und nachweisen
Stellt sicher, dass das System die Anforderungen aus Art. 8 bis 15 erfüllt, betreibt ein Qualitätsmanagementsystem, durchläuft die Konformitätsbewertung, stellt die EU-Konformitätserklärung aus, bringt die CE-Kennzeichnung an und registriert Anhang-III-Systeme.
Art. 26: bestimmungsgemäß einsetzen und beaufsichtigen
Setzt das System gemäß Betriebsanleitung ein, überträgt die menschliche Aufsicht kompetenten Personen, bewahrt automatisch erzeugte Protokolle mindestens sechs Monate auf und informiert vor dem Einsatz am Arbeitsplatz die Beschäftigtenvertretung und die betroffenen Beschäftigten.
Art. 25: Wann der Betreiber zum Anbieter wird
Wer ein Hochrisiko-System unter eigenem Namen oder eigener Marke anbietet, es wesentlich verändert oder den Verwendungszweck eines Systems so ändert, dass es hochriskant wird, übernimmt die Anbieterpflichten nach Art. 16.
Bis wann muss mein System die Anforderungen erfüllen?
Die Fristen laufen gestaffelt, nicht auf einen Stichtag: Verbote und Transparenzpflichten gelten längst, General-Purpose-AI-Pflichten seit August 2025. Die große Verschiebung betrifft Hochrisiko-Systeme nach Anhang III — deren Pflichten wurden vom Digital Omnibus um 16 Monate auf Dezember 2027 verschoben, während Kennzeichnungs- und Transparenzpflichten unverändert früher greifen.
Verbotene Praktiken in Kraft: Art. 5 (Social Scoring, manipulative Systeme u. Ä.) sowie KI-Kompetenzpflichten (Art. 4) gelten seither.
Pflichten für General-Purpose-AI: Anbieter von Basismodellen, Governance-Strukturen und Bußgeldregime greifen.
Transparenz- & Registrierungspflichten: Allgemeine Informations- und Registrierungspflichten für KI-Systeme werden anwendbar.
Kennzeichnungspflicht für KI-Inhalte: Art. 50 Abs. 2 (Kennzeichnung KI-generierter Inhalte) wird anwendbar.
Hochrisiko-Systeme (Anhang III) — verschoben: Neue Frist durch Digital Omnibus (Einigung 07.05.2026) — 16 Monate später als ursprünglich geplant. Inhaltliche Pflichten (Art. 6–27) unverändert.
Hochrisiko als Sicherheitsbauteil (Anhang I): KI als Sicherheitskomponente in bereits regulierten Produkten (z. B. Maschinen, Medizinprodukte) — eigene, spätere Frist.
Was hat der Digital Omnibus konkret geändert?
Der Digital Omnibus verschiebt nur die Fristen, nicht die inhaltlichen Anforderungen. Grund: harmonisierte Normen, an denen sich Unternehmen orientieren sollen, waren vor Ende 2026 nicht verfügbar — die EU wollte keine Pflicht ohne verlässlichen Prüfmaßstab in Kraft setzen, entschied sich aber bewusst gegen eine Aufweichung der Inhalte selbst.
Wichtig dabei: Kein Regelwerk ersetzt ein anderes. DSGVO, der freiwillige GPAI Code of Practice (mit „Safe Harbor"-Wirkung) und der Zertifizierungsstandard ISO/IEC 42001 gelten parallel und kumulativ zum AI Act — wer nur auf eine Frist schaut, übersieht die anderen drei. Wer 2026 noch abwartet, verschenkt außerdem Vorlaufzeit: Risikomanagement und Dokumentation lassen sich unabhängig vom exakten Stichtag aufbauen.
Der Irrtum, der mir in Projekten am häufigsten begegnet: HR-KI gilt fast immer als Hochrisiko. Anhang III Nr. 4 nennt Beschäftigung und Personalmanagement ausdrücklich — dazu zählen KI-gestützte Bewerberauswahl, Beförderungsentscheidungen und Leistungsbeurteilung. Wer KI-Recruiting-Funktionen in bestehender HR-Software aktiviert, ist damit sehr wahrscheinlich Hochrisiko-Deployer. Diese Einordnung gehört vor den Go-Live geprüft, nicht danach.
Glossar
- Hochrisiko-KI
- KI-System, das nach Art. 6 als hochriskant gilt — als Sicherheitsbauteil oder Produkt nach Anhang I oder durch seinen Einsatz in einem der in Anhang III genannten Bereiche.
- Konformitätsbewertung
- Verfahren, mit dem nachgewiesen wird, ob ein Hochrisiko-KI-System die Anforderungen aus Kapitel III Abschnitt 2 erfüllt (Art. 3 Nr. 20, Art. 43).
- Anhang III
- Liste der Einsatzbereiche, in denen KI-Systeme nach Art. 6 Abs. 2 als hochriskant gelten — etwa Beschäftigung und Personalmanagement, Bildung oder die Kreditwürdigkeitsprüfung.
- GPAI
- General-Purpose AI: ein KI-Modell mit erheblicher allgemeiner Verwendbarkeit, das ein breites Spektrum unterschiedlicher Aufgaben erfüllen und in nachgelagerte Systeme integriert werden kann (Art. 3 Nr. 63).
Quellen
- Verordnung (EU) 2024/1689 (KI-Verordnung / EU AI Act), Amtsblatt der EU — Quelle für die genannten Artikel und Fristen — https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2024/1689/oj
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Gilt die neue Frist (Dezember 2027) auch für bereits laufende Systeme?
Ja — die Verschiebung gilt für alle Anhang-III-Systeme unabhängig davon, ob sie neu eingeführt oder bereits im Einsatz sind. Wer schon vorbereitet ist, muss nicht auf die Frist warten und kann früher konform gehen.
Ist KI-gestütztes Recruiting automatisch Hochrisiko?
In den allermeisten Fällen ja. Anhang III nennt Beschäftigung und Personalmanagement ausdrücklich als Hochrisiko-Bereich — auch KI-Zusatzfunktionen in bestehender HR-Software wie Bewerber-Screening fallen darunter. Die Einstufung gehört vor dem Rollout geprüft, nicht danach.
Betrifft mich der AI Act auch außerhalb der EU?
Ja, wenn das Ergebnis Ihres Systems in der EU genutzt wird (Marktortprinzip) — unabhängig davon, wo Anbieter oder Betreiber sitzen.
Reicht die Frist bis 2027, um jetzt noch nichts zu tun?
Technisch ja, praktisch nein: Konformitätsbewertung, Risikomanagement und Dokumentation brauchen bei komplexeren Systemen mehrere Monate Vorlauf — die verlängerte Frist ist Puffer, kein Freibrief.
Daniel Ostner
Aus Kapitel 4 des Enterprise-AI-Leitfaden-Buchs
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